Die Dinge in unserem Leben nahmen ihren gewohnten Lauf: Aufstehen, mit dem Hund Gassi, den Hund füttern, E-Mails checken. Arbeiten. Zwischendurch Gassi, viel kuscheln, noch mehr kuscheln, Gassi. Bis eines Tages… nichts mehr diese selbstverständliche Gültigkeit in sich trug.

Ein Leben als Andersmacher mit Hund

Erbsenzähler würden behaupten, es sei August 2009 gewesen, als unsere Geschichte begann. In diesem Jahr zog die griechische Straßenhündin Phaedra bei uns ein. Wir erleben seither allerlei schräge, wunderbare, herzzerreißende und sorgenvolle Momente mit ihr. Solche von der Sorte, die ihren eigenen Platz auf diesem Weblog verdient haben. Deshalb springen wir zum Frühling 2018, als mein Mann Jörn und ich erstmals ohne Hund auf lange Reise gingen.

Nach Afrika.

Namibia, Botswana, Republik Südafrika, Zimbabwe. Einen Monat lang. Ohne Hund. Vielleicht ist das alles deshalb passiert? Wir können diese Frage nicht beantworten, schon klar. Was ich nun weiß ist, dass ich am letzten Tag meines Lebens an meinen Hund denke – und Jörn tut dasselbe. Wir wissen: 4 Pfoten liefern 100 Gründe für 1 Leben.

Alles begann sich zu verändern, als afrikanische Sonne auf unsere nordeuropäische Haut traf…

4 Pfoten liefern 100 Gründe für 1 Leben

04. Mai 2018, Botswana

Vielleicht ist morgen der Tag an dem ich sterbe – und ich denke an meinen Hund. Nicht nur. Ich denke auch an meine Familie, meine Freunde und an das, was ich noch alles erleben will. Ich weiß, dass sich die Erde weiterdrehen wird, auch dann noch, wenn ich nicht mehr da bin. Mir fallen jetzt hunderte Beispiele ein, weshalb ich weiteratmen will. Die Momente mit meiner Hundefreundin Phaedra stehen ganz weit vorne. 100 Gründe, weshalb es sich zu leben lohnt, schenkt mir mein Hund. Ich will leben, dieses eine Leben. Unbedingt.

Untermalt wird mein Wille durch ein dringendes Bedürfnis.

Hätte ich gewusst, dass ich die Nacht in einem absaufenden Auto verbringen würde, wäre ich nochmal pinkeln gegangen!

Die Wasserflasche ist fast leer getrunken. Und jetzt? Jetzt hänge ich unfreiwillig mit dem Oberkörper aus unserem Geländewagen, der gefährlich schief im Flussbett feststeckt. Die rechte Seite unseres Wagens blickt schräg in afrikanischen Himmel. So gekippt, habe ich auf dem Fensterrahmen genug Platz, um die Gegend abzusuchen:

Ich halte Ausschau nach Krokodilen.

Irgendetwas atmet unter Wasser. Ich sehe Blubberblasen aufsteigen. Machen Krokodile überhaupt Blubberblasen unter Wasser? Ein Nilpferd kann es nicht sein. Der Seitenarm des Okavango Flusses, in dem mein Mann Jörn gerade unfreiwillig watet, ist an dieser Stelle zu niedrig. Ein dickes Nilpferd kann ich von meiner Position aus ziemlich sicher sehen.

Aber ein Krokodil nicht.

Plötzlich ist jeder treibende Ast im Fluss eine Schlange. Jedes Atemgeräusch aus dem Gestrüpp gehört zu einem Löwen. Wie zum Hohn kreisen ein paar Geier über uns. Sie beobachten Jörn und mich dabei, wie wir seltsame Dinge tun:

Ich hupe SOS seit einer Stunde.
Jörn befreit die Achse unseres Wagens von Schlamm und Schlick. Versucht, unseren Rädern wieder festen Boden zu verschaffen.
Aber nichts funktioniert.

Die Räder drehen immer wieder durch, während unser Auto seitlich gekippt im Okavango Delta in Botswana liegt und die Sonne viel zu schnell untergeht.

Der Geschmack von Sternen? Lavendel.

Unsere Reise beginnt am 15. April 2018. Über Kapstadt in Südafrika nach Windhoek in Namibia. Von dort befahren wir die Kalahari und reisen in die staubtrockene Namib, die älteste Wüste auf unserem Planeten. Wir schlafen jeden Tag im Nirgendwo in einem Zelt auf unserem Geländewagen. Lauschen den Stimmen der Bewohner, die auf zwei, vier, sechs, acht und tausend Beinen über Sand und Gras tapern und uns klar machen: Wir sind hier zu Besuch. Die Tiere haben uns nicht hierher gebeten, und wenn wir uns mucksmäuschenstill benehmen, dann dürfen wir eine zeitlang Teil ihrer Welt sein.

Zwischendurch geraten wir in die Abfertigung der Pauschalreisenden, die mit achtlosen Schritten unfassbar oft das zertreten, was diesen Boden hier so magisch macht. Deren lautes Geplapper über Belanglosigkeiten zwischen Kameraklicken diejenigen Worte übertönt, die man nur bei Stille gut hören kann. Das ertragen sie wohl nicht, diese Menschen. Stille spricht manchmal unerträglich laut. Das, was sie sagt, tut weh und verursacht Wachstumsschmerz. Einen, der von innen kommt.

Wir gehen kurz nach Sonnenuntergang schlafen und sind mit Sonnenaufgang wieder wach. Dick eingepackt (in Wüstenregionen wird es nachts ziemlich kalt) halten wir unsere Hände an warme Kaffeebecher. Wir lauschen der Stille der Wüste und tauchen ein in die Stimmgewaltigkeit des dichten, afrikanischen Busches, in dem wir nichts zu sagen haben. Stillsein sagt manchmal alles, was gesagt werden muss.

Wir reisen kurz ans Meer, das wir beide so lieben. Vielleicht liegt es daran, dass auch unsere Leben wellenförmig daherkommen? Manchmal wünschte ich, das Meer meines Lebens wäre eine bezaubernde Bucht mit stillen, glasklaren Gewässern. Stattdessen lebe ich Hochsee.

Irgendwann stranden wir in Swakopmund, einer Küstenregion im Westen Namibias. Wir blicken dem orangegoldenen Ball hinterher, der jetzt am Horizont in dunklen Nachtwellen verschwindet. Da fällt mir etwas ein:

Wenn du „ja“ sagst zum Leben, dann gibt es kein Zurück.

Eine meiner Mentorinnen war es, die vor Jahren eben diese Warnung aussprach. Eine, die gleichzeitig das Geschenk des Lebens im Hauch seiner Gänze bedeutet:
„Wenn wir uns auf den Weg machen, das Leben zu erfahren, dann müssen wir es wirklich wollen. Willst du wirklich leben, ganz bewusst, in all seinen Facetten, mit all seinen Aufträgen und Mechanismen? Wenn du „ja“ zum Leben sagst, dann gibt es kein Zurück. Nie wieder. Nicht in diesem Leben und auch nicht in irgendeinem anderen.“

Nun, ich habe es mir einfacher vorgestellt. Damals und heute. Wahrscheinlich bin ich deswegen überhaupt erst losgegangen, denn das freiwillige „ja“ zum Leben erfordert Opfer. Es gibt keine Garantie, dass „alles gut“ wird und wir irgendwann in Leichtigkeit und Glück dahintraben, als hätten wir den Stein der Weisen gefunden und wüssten es besser zu leben, als irgendjemand. Wir haben die Wahl, ob wir aufwachen und wachsen wollen, oder taub und bewegungslos Spielbälle derer werden, die sich anders entschieden haben.

Die letzten Tage im April 2018, Namibia

Ich blicke heute in die Wellen des Ozeans in Swakopmund. Ich weiß gar nicht, was ich überhaupt hier soll! Das ist kein Urlaub mit Erholung. Das Leben in einem Dachzelt ist anstrengend. Linksverkehr fahren ermüdet den Geist. Jeder Tropfen Wasser ist heiliger als irgendein Geldschein. Wo die nächsten Vorräte einkaufen? Auf lange Sicht planen. Fahrtstrecken und Stops ganz genau ins GPS eingeben, ständig gegen Mücken einsprühen. Ekel überwinden vor Spinnen und Skorpionlichtlampe nicht vergessen, wenn man nachts mal raus muss.

Trotzdem wollte ich hierher. So nah an der Wildnis passiert nämlich etwas, das mit nichts zu ersetzen ist:

Das hier ist kein Urlaub mit Erholung. Das hier ist ein Urlaub mit Erweckung.

Ich kann mit den Gedanken nicht erfassen, wie es mir geht, während ich in die Tiefe des Meeres blicke. Jörn und ich sind aus einem bestimmten Grund hier. Wir geben dem Wasser heute etwas von uns mit. Etwas, das wir jetzt loslassen und für immer verabschieden. Jeder für sich.

Ohne genau benennen zu können, was der Inhalt dieses Loslassens konkret bedeutet, werfe ich ein paar Minuten nach Jörn mein Treibholzstück in die Tiefen des Ozeans und bitte das Meer, den Inhalt dorthin zu tragen, wo er verstanden, gebraucht und gewandelt wird.

Das Leben spricht verschiedene Sprachen. Es erkennt die Dinge zur rechten Zeit. Es formt aus allem das, was entstehen soll.

Ich sehe, wie ein paar Wellen das Stück Treibholz in die Nacht hinaus tragen und werde mir der Tatsache gewahr, dass ich gerade den diffusesten aller Wünsche von mir gegeben habe, den ich je hatte. Mit den Gedanken nicht greifbar, zieht gerade das von mir, was seit Wochen wie ein Messer in meiner Brust steckt. Ein guter, alter Bekannter, seit Kindheitstagen. Meine Absicht, das zu verabschieden, was behindert und starr werden lässt – ohne zu wissen, was es konkret ist.

Es gibt beim Loslassen eine wichtige Regel: Bloß nichts erbitten dabei!

Wenn Du etwas loslässt, bitte auf keinen Fall um ein konkretes Ergebnis, das Du Dir wünschst. Nicht wünschen beim Loslassen! Stattdessen: Gib Dich hin. Nicht irgendwem. Dem Leben höchstpersönlich.

Hingabe an das Leben ist die Haltung beim Loslassen die Befreiung bietet. Ein Wunsch stört Loslassen.

Beschissenerweise fällt mir genau das gerade NICHT ein, als ich in dieser Nacht den Wellen hinterher blicke. Aber auf´s Leben ist Verlass und es erinnert mich in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten daran, dass ich mir besser nie wieder etwas wünsche beim Loslassen.

Das Leben lässt sich nicht erpressen. Wir können es nicht verarschen. Es ist wahrhaftig und rein und kennt jedes Detail von sich selbst. Weil wir ein Teil von ihm sind, lächelt es milde über unsere menschlichen Züge und führt unerbittlich dorthin, wo sich unser angestammter Platz befindet.

Wenn wir etwas verabschieden wollen, ohne zu wissen, was es konkret in seiner Tiefe bedeutet, dann sorgt das Leben erstmal dafür, dass wir dem begegnen, was wir loslassen wollen. Es gibt keine bequemen Abkürzungen. Für niemanden.

Ich hätte es wissen müssen.

01. Mai 2018, zwischen Namibia Botswana

Es beginnt zaghaft. So, als schriebe das Leben den Beginn des nächsten Spannungsbogens im Roman meines Daseins. Jörn und ich fahren durch einen Nationalpark zwischen Namibia und Botswana. Unser tapferer Geländewagen fräst sich durch tiefen Sand und säuft zwischendurch ab. Sofort kommt der unangenehme Gedanke, dass wir hier weder einen Reifenwechsel vornehmen können, noch per Handy um Hilfe bitten – denn in diesem Gebiet hier sind Löwen unterwegs. Und Elefanten queren vor uns die schmale Straße. Und Büffel. Und gestern erst habe ich die tödlichsten Schlangen Afrikas kennen gelernt. Nein, hier stecken zu bleiben ist echt scheiße und ich will mich nicht in die Arme von tödlichem Getier werfen. Hatte ich die Spinnen erwähnt?

Aber wir schaffen es. Trotzdem gehen wir nochmal alle Verhaltensweisen im Falle einer Panne durch. Wichtigste Maßnahme in der Wildnis überall auf der Welt: Bleibe immer bei deinem Fahrzeug, verlasse das Auto auf keinen Fall und warte, bis Hilfe kommt.

Und renne nicht weg! Don´t run. In Africa only food runs.

In einem Nationalpark, durch dessen Eingangstore Reisende meist fahren, um die Personen und Fahrzeug zu registrieren, kann man realistisch darauf hoffen, dass zuständige Park Ranger Steckengebliebene oder Verunfallte tatsächlich finden. Vielleicht erst nach vielen Stunden, aber man wird in aller Regel entdeckt. Jörn und ich haben immer genug Wasser dabei und mindestens für zwei Tage Essbares. Wohin man als Frau in einem solchen Fall pinkelt? Dazu später mehr…

Wir sind bereits drei Wochen unterwegs, als wir eine 35 Kilometer lange Sandpiste durch die Kalahari fahren. Wieder säuft das Auto zwischendurch ab. Ich habe mich noch immer nicht daran gewöhnt, dass wirklich an jedem einzelnen Tag mehrfach Situationen passieren, die eine echte Bedrohung für mich und Jörn bedeuten. Ich schiele auf mein Handy, als der Motor wieder startet und wir an einer wunderschönen, grauschwarzen Giraffe vorbei fahren: Ich habe Empfang. Ein Luxus und ich atme durch. Wenn uns etwas passieren sollte, können wir via Telefon Hilfe anfordern.

Wenige Zeit später an diesem Tag stehen wir vor einer überfluteten Straße, aber das macht nichts. Die Einheimischen habe schon lange eine Fähre gebastelt. Es passt genau ein Auto darauf. Im Vertrauen, dass diese freundlichen und hilfsbereiten Menschen schon wissen, was sie da tun, platzieren wir unser Gefährt auf dem Floß und lassen uns auf die andere Seite schippern.
„Jörn? Du weißt, wie man einen Fährmann bezahlt?“ frage ich meinen Reisegefährten.
„Ja. Immer dann, wenn man auf der anderen Seite angekommen ist.“

Glücklich darüber, dass das Auto (und wir) trocken ans andere Ufer gekommen sind, bezahlen wir den Fährmann. Hätte ich gewusst, dass diese Fahrt über einen Fluss vorerst meine letzte, trockene Überquerung botswanischer Feuchte gewesen ist – ich hätte die Dorfbewohner nochmal zum Abschied umarmt. Wahrscheinlich wäre ich sogar bei ihnen geblieben und hätte Jörn von einem Leben in Tiaan´s Camp überzeugt, in dem wir die Nacht verbringen. In warmen, weichen Betten. Denn normalerweise nächtigen wir auf einer unbequemen, stinkenden Matratze im Dachzelt. Um den Geruch alten Schweißes vormaliger Nutzer zu übertünchen, träufele ich jeden Abend Lavendelöl auf unser Laken und blicke danach in den Nachthimmel. Der Geschmack von Sternen…

ist Lavendel.

Das Leben gibt selten Einblick in die Zukunft. Deshalb steige ich am 04. Mai 2018 erneut in den Toyota Hilux und fahre dem Urgrund meiner Existenz entgegen, ohne es zu wissen. Dorthin, wo die Zeit keinen linearen Verlauf mehr kennt, weil nur das Hier und Jetzt im Überleben zählt. Ich reise an den Punkt, der mir fortan als Referenz dafür dient, was Angst bedeutet. Ich bekomme mit dem Rücken zur Wand das geschenkt, worum es im Leben tatsächlich geht.

Neugierig, was uns als nächstes passiert ist? Lies nächste Woche weiter!

Title Photo by Marcus Löfvenberg on Unsplash

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