Authentische Ayurveda Kur in Indien – Teil 1

Ich bin auf dem Weg zum „Panchakarma“, einer Ayurveda Kur in Indien. Schräg hinter mir zieht jemand geräuschvoll die Nase hoch. Ich will für meinen Flug von Mumbai nach Kochi einchecken und stehe geduldig um 4 Uhr morgens in einer langen Menschenschlange vor dem Schalter von Air India. Offenbar scheint einer meiner Mitreisenden besondere Probleme mit den Atemwegen zu haben, denn das Prozedere des lautstarken Rotzens ohne Taschentuch wiederholt sich einige Male und es klingt, sagen wir: produktiv. Ich frage mich, wohin die Person das Ergebnis… und verwerfe jedweden Gedanken daran sofort. Schließlich stehen wir in einer Flughafenhalle und weit und breit ist kein Mülleimer zu sehen. Hier kann man seinen Rotz nicht einfach irgendwo hin spucken. Finde ich. Mein Ekel macht mich allerdings auch regelmäßig neugierig… und schließlich drehe ich mich ein wenige zur Seite, damit ich freien Blick auf das menschliche Geschöpf habe, das den Auswurf der eigenen Sekrete in der Öffentlichkeit schamlos zur Schau stellt.

Ich erwarte einen stämmigen Mann, Typ Bauarbeiter mit Bierbauch. Mir hängt ein ordentlicher Jetlag in den Knochen, deshalb traue ich zuerst meinen Augen nicht. Ich blinzle einmal ganz bewusst. Dann ein zweites Mal. Vor mir steht eine drahtige alte Frau, gut einen Kopf kleiner als ich. Ob sie noch mehr als drei Zähne im Mund hat, kann ich nicht sagen. Ihre schwarzgrauen Haare fallen dünn um einen faltigen Hals und verlieren sich hüftlang auf ihrem neo-pinkfarbenen Kleid mit senfgelbem Schal. Hennabemalte, knochige Hände halten ihren Pass fest umklammert. Ich denke kurz darüber nach, ihr ein Taschentuch zu reichen, als sich unsere Blicke treffen. Sie schaut mich an und lächelt. Ein beinah zahnloses Lächeln in einem zerfurchten braunen Gesicht mit gütigen Augen.
„Namaste!“, sagt sie freundlich.

Dann tut sie es wieder. Die Sache mit den Körperflüssigkeiten.
Mein Gehirn braucht einen Moment, ehe es einen Weg findet, um mir mitzuteilen, dass das wirklich alles gerade passiert und ich mir keine Sorgen machen muss. Dass ich halt einfach in Asien bin, mehr nicht.
Ich verziehe mein Gesicht zu etwas, von dem ich hoffe, dass es wie Zurücklächeln aussieht und bringe dann heiser heraus:
„Nnnnamasteee“.

Namaste! Panchakarma in Indien

Am 21. Januar 2020 um 7 Uhr verlasse ich Barcelona, um knapp einen Monat in Indien zu verbringen. Panchakarma (die innere Reinigung des Körpers in fünf Schritten), Meditation und Yoga sollen den kompletten Raum einnehmen, den mein Alltag sonst nicht komplett dafür hergibt. Ich bin auf dem Weg in die Region Kerala, in die Wege des Ayurveda. Dort ist sie geboren worden, die traditionelle indische Medizin und ihre Lehre vom Leben. Ich habe mich entschieden in eine alteingesessene Klinik zu gehen und nicht in ein „europäisiertes“ Wellnessresort. Die volle Dröhnung authentisches Indien mit all seinen Besonderheiten. Alles ist bunt in diesem Asien: Essen, Menschen, Sprachen und vor allem der Verkehr. Fast nichts ist wie in Spanien und noch weniger wie in Deutschland.

Im Flugzeug der Lufthansa lerne ich Roberto kennen, einen Italiener, den der Job mehrfach im Jahr für viele Wochen nach Mumbai verschlägt. Er erzählt mir allerlei skurrile Geschichten und bereitet mich auf das vor, was mir bei Ankunft in Mumbai sofort entgegen schlägt: MENSCHENMASSEN! Überall hupende Autos, Tuk-Tuks, Roller, Motorräder, Müllberge, Gestank, Kühe. Vorsichtshalber lasse ich mir Robertos Nummer geben. Des Notfalls halber. Man weiß auf Reisen nie, wie wichtig guter Kontakt zur lokalen Bevölkerung sein wird…(siehe Afrika).

 

Das Ziel einer Reise ist nicht immer das Ziel dieser Reise

Doch Mumbai ist nicht das Ziel meiner Reise. Es geht weiter nach Südindien und der erste Kulturschock hält auch noch an, als mich Taxifahrer Sudheesh in Kochi am Flughafen abholt. Bereits zwei Tage vor meiner Ankunft in Indien hat er via WhatsApp geschrieben, dass er pünktlich am Flughafen auf mich warten wird – von sich aus, ich musste nicht nachfragen.

Sudheesh lernt wenige Meter, nachdem wir uns kennen gelernt haben, dass er besser gut auf mich acht gibt:
Ich entrinne knapp der Kollision mit einem rasanten Tuk-Tuk (linksverkehr – ups – vergessen), bleibe mit meiner Tasche am Gepäckwagen hängen und verkante mich (dauert nur so eine Minute, bis ich wieder frei bin), stolpere über den Randstein (wieso bauen die hier derart hohe Bordsteine, wenn sie denn schon mal welche bauen?) und stehe schließlich vor dem Wagen, der mich nach Kottayam bringen soll.
„Want to drive, Madam?“ fragt Sudheesh zurückhaltend, als ich auf der „falschen“ Seite zum Türgriff greife.
Ah. Stimmt. Die Sache mit dem Linksverkehr.
Nee, wenn wir leben wollen, dann besser nicht, antworte ich und lasse mich schließlich auf den Rücksitz fallen. Bereit, zur Not an Ort und Stelle seelig einzuschlafen.

 

Straßenverkehr in Indien

Aber dann fährt er los, mein indischer Taxifahrer. Erst habe ich Todesangst. Dann bin ich nur noch schwer beunruhigt und schließlich gebe ich einfach auf und lege mein Schicksal in die Hände einer höheren Macht. Nicht wegen Sudheesh, der macht seine Sache großartig, sondern wegen der VIELEN anderen. Alle machen, was sie wollen. So sieht gelebte Anarchie auf der Straße aus. Die Inder beschreiben es so: „Wir haben zwar keine Verkehrsregeln, aber wir sind alle über eine höhere Macht miteinander verbunden und passen gegenseitig aufeinander auf.“

Ich nehme diese Herangehensweise demütig an – und in mich auf. Dauert halt kurz. Irgendwann erkenne ich, dass es besser ist, nicht hin zu schauen wenn wir abbiegen oder, noch schlimmer, eine Straße queren wollen. Ich vertraue auf den jungen Mann am Steuer und lausche fasziniert den Mantras, die aus dem Radio tönen – untermalt mit Techno-Musik. Schon mal gehört? Nee? There you go. Wenn du richtig Lust hast, mach zwei Videos in deinem Browser auf und schau parallel dazu dieses Video an. Das gibt einen sehr authentischen Einblick in meine Anreise.

 

 

Die Magie des Athreya Ayurvedic Centre beginnt

Sudheesh rollt schließlich den Wagen unbeschadet in die Einfahrt des Athreya Ayurvedic Centre. Ich steige aus dem klimatisierten Taxi aus und laufe gegen eine schwül warme 39 Grad Celsius-Wand. Ein entsprechend temperierter, frisch gepresster Melonensaft landet in meiner Hand (keine kalten Getränke im Ayurveda). Die Magie von Athreya beginnt genau jetzt.

Zur Begrüßung werden mein Blutdruck, Körpertemperatur und Puls gemessen. Passiert mir sonst nie, wenn ich irgendwo einchecke in einer Unterkunft. Ich stelle mir vor wie es wäre, wenn Hotelmanager als erstes den Puls ihrer Gäste checken würden?

„It´s low, Madam“, sagt Jenny mit braunen Reh-Augen, in denen ich versinken will. Jetzt gleich. Auf der Stelle. Ich bin nämlich sehr, sehr müde…
„Ja, weiß ich“, sage ich.
Leider auf Spanisch.
Merke ich erst, als sie mich verdattert anguckt.
Herrje, ich muss echt aus dem Verkehr gezogen werden! Mein Gehirn macht seltsame Sachen.
Wir lachen gemeinsam über mein überlastetes Gesamtsystem und sie versichert mir, ich würde ganz bald wieder okay sein. Sie ist die personifizierte Güte, diese Krankenschwester.
Macht ja auch nichts, das mit dem Blutdruck. Er sichert meine Gelassenheit, rede ich mir immer ein.

Jenny, die warmherzigste Krankenschwester der Welt

Mein Puls ist okay, Kopf-Temperatur zu hoch.
Aha.
„We will sink it“, verspricht sie mir.
Niedrige Kopftemperatur? Ist das erstrebenswert und wichtig?
Ich frage nach.
„Yes, Madam. Cool head is better. And warm belly.“
Unwillkürlich halte ich meine Hand an meinen Bauch. Ha! Schön temperiert. Mehr als das. Ich schwitze aus allen Poren. Die haben´s schön warm hier, die Inder zu dieser Jahreszeit.

 

Arztbesuch auf indisch

Während ich am Pulsmesser hänge, gesellt sich Herr Doktor Sreejit zu uns. Wir kennen uns bereits durch E-Mails und WhatsApp Video, denn er meint es liebevoll ernst:

Die Behandlung seiner Patienten beginnt er in dem Augenblick, in dem sie den Online-Fragebogen ausfüllen. Via Emails, Audio und Anrufe wird man auf alles hingewiesen und vorbereitet, was einen Aufenthalt vor Ort erfolgreich macht.

Er heißt mich herzlich in der Familienklinik willkommen und erklärt mir das Prozedere für heute: Zimmer beziehen, kurz ausruhen, dann zu den ersten Behandlungen und vor allem vorher immer die zugehörigen Videos gucken! Darin werden mir die ersten „Treatments“, deren Ablauf und Wirkung erklärt. Auf mich warten nun erstmal Schulter-Nacken-Massage, Abdomen-Massage und Stirnguss. Ein sanfter Einstieg.

Eingangsbereich und Weg zum Chef: Dr. Sreejits Büro

Als mich Dr. Sreejit untersucht, drückt er an allen möglichen Stellen meines Körpers herum und erklärt mir, wieso er das macht. Packt sein Maßband aus, wickelt es fachmännisch um mich, stellt mich auf die Waage. Schreibt meine Maße auf und notiert mit leidenschaftlich strahlenden Augen die Ergebnisse: Dieser Mann beäugt meinen Körper wie Michelangelo einen Granitblock, aus dem er erst noch das heraushauen muss, was an wunderbarer Skulptur darin verborgen ist.

Ich erfahre meine gesundheitlichen Ziele und Potentiale, als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt, diese auch zu erreichen. Klar ist: Der Typ macht seinen Job mit hundert Prozent Hingabe. Mein Körper wird irgendwie…unser gemeinsames Projekt. Ich widerstehe dem Impuls ihn zu pieksen, einfach nur um zu überprüfen, ob er „echt“ ist.

 

Der Blick hinter den Raum in meinen Augen

Im Anschluss folge ich ergeben Amil – dem Mann an der Rezeption. Der Kerl für alles, was den Gästen auf der Seele liegt. Doch Amil bringt mich nicht wie erwartet in mein Zimmer, sondern zeigt auf einen Fernsehbildschirm.
„Madame, this is the area where you watch videos before treatment“, erklärt Amil in unverwechselbarem indisch-englisch.
Mein Herz öffnet sich. Sie benutzen Worte, die irgendwie aus der Zeit gefallen sind… Ich schmelze dahin.
„Do I watch it right now?“ frage ich und hoffe, dass er nein sagt. Ich kann kaum noch meine Augen aufhalten.
„If you wish. But we can go to your room also. You decide“, antwortet Amil.
Ich entscheide? Prima. Das kann ich.

Amil – der Mann an der Rezeption

Zehn Minuten später liege ich (ohne Amil) in meinem Bett mit Matratze so hart wie ein Brett. Ich lausche den Geräuschen von Flora und Fauna, während der Deckenventilator langsam seine Runden dreht. An mehr erinnere ich mich nicht, denn Schlaf empfängt mich mit ausgebreiteten Armen.

Wenig später kriege ich erneut die Chance, in den Raum hinter meinen Augen zu blicken, aber vorher gucke ich Videos über Behandlungen. Ich sitze in einem Rattan Sessel vor der Glotze und folge 45 Minuten lang einem Vortrag des Herrn Dr. Sreejit via Video.

Rattansessel, in denen so manch einer beim Videogucken einschläft…

Er erklärt mir den Sinn und Zweck der verschiedenen Behandlungen. Ich versuche, mir so viel wie möglich zu merken.
„Meditate during Shirodhara if you can“, höre ich Dr. Sreejits Empfehlung für das, was ich tun soll, wenn der Stirnguss erfolgt.

Das Prozedere beginnt wenig später. Warmes Öl fließt in gleichmäßigen Bewegungen von links nach rechts über meine Stirn.
Ich richte meine Wahrnehmung nach innen. Die Stelle zwischen den Augenbrauen.
OOOOOOOOOOMMMMMMMMM….3-2-1…tschüss.

Eine Dreiviertelstunde später weckt mich Therapeutin Sofi auf.
„Good morning!“ sagt sie lächelnd.
„Fell asleep?“
Meine Lippen formen ein lautloses yes.

Nachdem ich Udarbhyanga (Bauchmassage) und Schulter-Nacken-Massage auf eine Art erlebt habe, wie sie mir noch nie dargeboten wurde (das Wort „Druck“ hat eine völlig neue Bedeutung für mich bekommen), war der Stirnguss ein Segen.

Langsam werde ich im Anschluss ins Badezimmer geleitet, um meinen Lendenschurz (jipp, richtig gelesen) abzulegen und Wasser aus einem Eimer zu schöpfen, um zu duschen.

Ich liebe es, hier zu sein, ist mein Fazit als ich zurück in mein Zimmer gehe/fliege/latsche oder irgendwas dazwischen.

Aus allen Teilen der Welt ist uns eines gemeinsam

Nach und nach lerne ich die anderen Patienten, Gäste, Heilsuchende, Reisende kennen. Wir kommen aus allen Teilen der Welt: Russland, Deutschland, Iran, Indien, Südafrika, Polen, Spanien, Frankreich, Kanada, USA. Es herrscht eine familiäre Stimmung, wer kein oder wenig englisch spricht, macht einfach trotzdem mit. Da fällt es mir gleich wieder auf, was ich am Reisen so liebe: Die Offenheit derjenigen, die zwischen Pauschaltourismus und Kreuzfahrttour die Welt entdecken. Hier, an diesem besonderen Ort, kommt noch eine andere, nie gekannte Komponente dazu…

Wir unterhalten uns über Körperflüssigkeiten. Erbrechen, Abführen, Nasensekret abhusten und Aderlass. Zwischendurch fragt der ein oder andere auch scherzhaft, ob jemand einen Cappuccino oder Käsekuchen möchte? Stöhnen und Lachen sind die Antworten. Im Athreya Ayurvedic Center wird streng nach ayurvedischen Maßstäben gekocht. Gesund, gut verdaulich und auch lecker. Ich muss mich anfangs daran gewöhnen, dass ich beispielsweise Kichererbseneintopf und gedünstete Reispuffer zum Frühstück esse. Dazu warmes Kräuterwasser trinke, anstatt Kaffee. Den gibt es hier nicht. Auch keinen Tee. Süßigkeiten? Fehlanzeige.

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Photo by Maulik Shah on Unsplash and by Athreya guests

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