Manchmal braucht es Verweigerung, um einen stimmigen Schritt zu gehen. Klingt paradox? Lernt man beim Paar-Therapeuten – und zwar so!

„…und seitdem verhalte ich mich wie ein störrischer Esel und bewege mich keinen Millimeter mehr“, beende ich meinen Monolog.
Vor mir sitzt unser Paar-Therapeut.
Neben mir sitzt Jörn.
Laaaaaaaaaangsam sinkt der Stift vom Therapeutenmann hinab auf´s Blatt.
Ich halte gespannt die Luft an.
Halte. Die. Luffffft. An.

Was Traumhaus und Alcatraz gemeinsam haben

Niemand sagt etwas, ganze drei quälende Sekunden lang. Wahrscheinlich sind es sogar vier. Gäbe es eine Wanduhr in diesem Zimmer, würde man sie lautstark ticken hören. Fiele eine Stecknadel, so hörte man die ebenso. Beides gibt es hier nicht und so vernehme ich ausschließloch meinen eigenen Herzschlag, der untermalt wird von rauschendem Blut in meinen Adern.
Beim Paar-Therapeut.
Ich.
Mit meinem Mann!
Wegen eines einzigen Satzes:
„Wie stellst Du Dir Dein Leben in Deinem Traum-Haus vor?“

48 Stunden früher.
Wir hocken begeistert am Boden unseres Wohn-Esszimmers im herbstlichen München des Jahres 2018. An der weißen Wand vor uns kleben lauter bunte Karten mit Worten darauf wie
„Leckeres Essen“
„Spaziergänge am Strand“
„Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge am Meer“
„Wunderbare Gespräche“
„Zeit für mich“
„Zeit für uns“
„Zeit für den Hund“
„Das Land bereisen“
u.v.m.
Wirklich schöne Vorstellungen von einer gemeinsamen Zukunft, bis ins Detail einander von Herzen erzählt.
Wir freuen uns zwei Tage am Stück. Über uns. Über unsere Gegenwart. Auf die Zukunft.
Und dann, am Ende des zweiten Tages, fragt mich Jörn diesen Satz:
„Wie stellst Du Dir Dein Leben in Deinem Traum-Haus vor?“

Meine Brust wird eng, mein Atem wird flach und ich kriege innere Bilder von Alcatraz. Ich bin mir sicher, dass sich eine Gefängniszelle auf Alcatraz Island genau SO anfühlt. Ich war wenige Wochen zuvor selbst vor Ort! Ganz sicher. Diese Frage fühlt sich an wie der Hochsicherheitstrakt vor San Francisco.

Auf den sprachlosen Grund gegangen

Ich mache den Mund auf und zu wie ein Fisch.
Es kommen keine Worte raus.
„Sabrina? Hast Du eine Antwort für mich? Heute noch?“ fragt Jörn stirnrunzelnd nach einer Weile.
Ich druckse rum. Winde mich wie ein glitschiger Aal.
„Ähm….Nee?“ antworte ich vorsichtig.
Mein Mann wird deutlicher:
„Spanien. Sonne. Strand. Berge. Barcelona. WIE SOLL DEIN HAUS DORT AUSSEHEN?“ präzisiert er seine Frage mit langsamer Aussprache, als ob ich einen Dachschaden hätte. Vielleicht habe ich den auch.
Ich sehe Gefängniszellen.
Einbahnstraße ohne Wiederkehr.
Fesseln um Hände und Füße. Mit Knebel im Mund.
Ich stehe wortlos, weil ohne Worte, auf.
Gehe wie ein Zombie aus dem Raum.
Jörn bleibt sitzen. Ebenfalls sprachlos, aus einem nachvollziehbaren Grund.
Und ich? Ich kenne meinen sprachlosen Grund nicht.

48 Stunden später.
Ich schicke eine SOS-Nachricht an meine Freundin T. Die ist total begeistert von ihrem Paar-Therapeutenmann. Als sie mir seine Kontaktdaten schickt, steht unter seinem Namen „Paar-Mob“.
„Ääääähm…ooookay“, denke ich nur und wähle tapfer seine Nummer.
Alle Menschen zur Behandlung meiner seltsamen Wesensart, die T. mir jemals hat zukommen lassen, waren erste Sahne. Es ist gut, wenn man bekloppte Freunde hat, die ihre Beklopptheit offen und ehrlich mit einem teilen. So ist es leicht, Hilfe zu finden.
Also kriegt der Münchner „Paar-Mobber“ eine Chance.
Ich mache einen Notfall-Termin für Jörn und mich am Folgetag aus.

Er will uns kennenlernen, und so berichten wir über uns. Name, Alter, Berufe, Ziele. Was uns zwei zusammen hält. Ich erzähle, dass Jörn mein Lieblingsbuch ist. Mein Mister Big, McDreamy, BPE. Ich gestehe, dass ich ihn aus diesem Grund geheiratet habe.
So gesehen schließt sich jetzt ein Kreis und das nächste Kapitel meiner Träume wird wahr. So gesehen ist es leicht zu verstehen, dass ich meine Siebensachen packe und das Land verlasse.

Wir berichten, wieso 4 Pfoten 100 Gründe liefern, um anders zu leben. Dass wir keine Sekunde mehr auf diesem Planeten sein wollen im Sehnen nach einer Zukunft, die irgendwann, oder irgendwie, besser werden soll, als unsere Gegenwart. Dass wir Hier und Jetzt unsere Träume leben wollen, nicht übermorgen in der Rente. Wir erzählen, dass Jörns Papa nach langem Krebsleiden vor wenigen Monaten verstorben ist. Erzählen von vielen, vielen weiteren schönen und furchtbaren Momenten, die 2018 passiert sind. Wir haben eine Menge hinter uns.

Dachschaden oder doch normal?

Dann kommt mein Bericht über Alcatraz alias Traumhausdeutung.
Ich gestehe dem Paar-Therapeutenmann, dass ich vielleicht nicht mehr alle Tassen im Schrank habe. Oder alle Latten am Zaun. Dachschaden nicht ausgeschlossen. Vielleicht doch unheilbar bekloppt.
Dann sagt er es, der Therapeutenmann:
„Also, für mich hört sich Deine Reaktion total gesund an.“

Wieder ein Stecknadel-Wanduhr-Moment.
„Bitte?“ bricht Jörn die Stille.
Damit haben wir beide nicht gerechnet.
Der Therapeutenmann schmunzelt und spricht weiter:
„Jetzt mal ganz im ernst Leute. Bei dem Tempo, das Ihr da hinlegt, ist diese Reaktion ein guter Schutzmechanismus – und zwar vor zu viel Veränderung“.

Etwas platzt in mir.
Mir fallen all die Momente aus Gruppenseminaren und Einzelcoachings ein. Gespräche mit Freunden. Ich sei zu schnell, mein Tempo zu rasant. Mit mir könne keiner so richtig Schritt halten. Ich sei nicht greifbar genug, weil immer schon woanders.
Mein Ziel der letzten Jahre: Langsamer leben. Die anderen mitnehmen. Die Langsamkeit genießen.
Und jetzt?
Haue ich die Bremse rein und gehe keinen Schritt weiter. ICH. Die perfekte Schnellmacherin.
Innerlich setze ich einen Haken an mein „Ziel der Langsamkeit“.
Doch da ist noch was…
„Du verstehst schon, dass ich mich weigere, ein Haus am Meer unter der Sonne Spaniens zu bauen? Obwohl mein Mann es mir ermöglichen würde?“, frage ich nochmal vorsichtig beim Therapeutenmann nach.
Könnte ja sein, dass der nicht mitgekriegt hat, dass ich den Traum vieler Frauen gerade…ablehne.
„Ja. Habe ich kapiert. Und nochmal: es ist zu viel hintereinander passiert bei Euch.“

Einen Gang runter schalten

2 Monate später.
Wir blicken am Fuße des Tibidabo über Barcelona. Übermorgen sehen wir uns Mietwohnungen an.

Es muss ja nicht gleich ein eigenes Haus am Meer sein, hat der Paar-Therapeutenmob gesagt…






Photo by Alex Iby on Unsplash

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