„Kann aber sein, dass ich nach dem zweiten Glas hinüber bin“, warne ich Jana.
„Macht nix“, sagt sie gönnerhaft und ich höre, wie sie den Kühlschrank ihrer Berliner Butze öffnet. Wenig später lausche ich dem Geräusch, das nur Prosecco kann: Prickelnde Substanz gleitet, nein, schmiegt sich flüssig an die Innenwand eines delikat geformten Glases. Prosecco fließt nicht. Prosecco schlängelt sich transparentgolden hin zum Glasboden und versammelt sich dort selbst. Prosecco macht das nicht, weil die Schwerkraft ihn dazu zwingt! Nein. Prosecco entscheidet selbst. Prosecco lässt sich nichts erzählen von irgendwem. Er passt gut zu Jana und zu dem Gespräch, das jetzt kommt.

Herausfordernd gucke ich meinen Wein an.
„Das musst du erstmal nachmachen!“ denke ich.
Er ist ein Einheimischer. Er kommt „von um´s Eck bei mir“: Penedés.
„Biste aber noch nicht wieder im Training, wa?“ will Jana wissen und nippt am Prosecco.
Nee. Bin ich nicht. Mein viertes Glas Wein seit Januar 2020 liegt bauchförmig in meiner Hand. Der rote Spanier gibt sich alle Mühe einladend daher zu kommen. Erdiger Duft webt sich in meine Nase und verankert dort eine Einladung. Gleichzeitig bewundern meine Augen die öligen Linien, die durch des Weines rhythmischer Kreisbewegungen im eigens dafür geschaffenen Glas Spuren hinterlassen. Herrje. Der Prosecco mag luxuriös-elegant daher kommen, aber der spanische Wein ist (not sorry) dreckig sexy.

Gute Freundinnen haben Verständnis für (fast) alles

„Null im Training. Saß Anfang der Woche mit Jörn abends im Garten und nach einem Glas war ich tschüssi“, gestehe ich und setze das Glas an meine Lippen.
Erster Schluck.
Oh Gott.
Er schmeckt auch noch gut.
„Du, alles zu seiner Zeit“, sagt meine verständnisvolle Freundin.
Es ist doch hervorragend, wenn man Leute kennt, die einem Raum für Entwicklung lassen.
„Du sag mal Pukki…“
Anmerkung: Okay, jetzt isses raus. Mein Spitzname ist Puk. Oder Pukki. Das ist eine verdammt lange Geschichte und spielt sich ab zwischen Ally McBeal und Studentenparties mit klebrigen PVC-Böden – aber die Packung an Stories fassen wir ein andermal an.
„Sach an, Puk“ antworte ich.
Nochmal Anmerkung: Ja, wir waren damals so kreativ, dass wir beide denselben Spitznamen  bekommen haben. Aber die Taufe war ein Kracher!
„… wie isset denn bei dir so? Was hat Corona-Daheimbleiben denn bei dir so gemacht?“

Ich schlucke.
Nicht, weil das Corona-Thema so schwer für mich ist.
Es ist der weinrote Spanier, der jetzt warm meinen Hals hinabgleitet. Prosecco macht das ja auf eine ganz andere Art!
Prosecco hüpft und tanzt, wenn er runtergeschluckt wird.
„Ganz ehrlich? Ich finde daheim arbeiten super (hab ich vorher auch schon gemacht). Da kann ich mich besser konzentrieren (ich habe keine Kinder, die zwischendurch in Zoom-Calls auftauchen). Zeit spart es auch (keine Wegstrecke zum Büro und wieder zurück). Ich genieße, dass die Strandpromenade schön frei ist (keine Touristen weit und breit) wenn ich joggen gehe. Ich treffe mehr Einheimische (alle bleiben daheim, weil keiner wegen der Touristen fliehen muss).“
Mir fällt noch viel mehr ein.

Manches machen wir jetzt nimmer oder neu immer

Mein Monolog hält ganz schön lange an und plötzlich begreife ich, weshalb es „weinselig“ heißt und warum „Alkohol die Zunge lockert“.
Musste ich vierzig Jahre lang drauf warten, auf die Erfahrung. Oder besser: die finale Erkenntnis.
„Ach, und ich trinke kaum noch Alkohol“, füge ich meiner „Warum Corona-Daheimbleiben-gar-nicht-so-schlimm-ist-Liste“ hinzu.
„Und, und, und: Ich bin seit heute genau 6 Monate zuckerfrei bzw. schokoladenfrei bzw. süßigkeitenfrei“ rufe ich noch ins Telefon und hüpfe aufgeregt durch die Wohnung.
Jetzt hätte doch der Prosecco besser gepasst.
Ach, was soll´s.
Ich wechsle spontan zu Tango-Bewegungen.
„Krass! Gut, das hat aber mit Corona dann nix zu tun“, stellt Jana fest.
Die ist nämlich auch clever, die Frau Doktor.
„Schdimmt“, lalle ich.
„Mir geht es ja auch so! Ich will gar nicht wieder ins Büro zurück. Ich hab meiner Chefin heute auch gesagt, dass ich das nicht mehr mache“, spricht es am anderen Ende, untermalt vom erneuten Kühlschrankgeräusch.
Wir sprechen ja auch schon zehn Minuten.

Ich nehme an, Jana sucht nach Wasser ohne Kohlensäure, um ihren Wasserhaushalt auszugleichen. Ich stelle mir vor, dass sie einen Spritzer frisch gepressten Zitronensaft dazu träufelt. Weil das gesund ist.
Wir stellen am Ende fest:

  • Wir mögen es, wenn weniger Leute in der U-Bahn sitzen, weil dann weniger Leute stinken, zu laut für unsere Ohren sind oder in unseren Wohlfühlabstand eindringen.
  • Wir mögen es, ohne Kolleginnen und Kollegen zu arbeiten, weil wir dadurch schneller und produktiver sind.
  • Wir mögen es, wenn sich die Natur erholt und weniger Leute achtlos herumtrampeln.
  • Wir mögen es, wenn Menschen auf sich selbst zurückgeworfen werden. Es ist uns nicht egal, dass sie dabei leiden, aber wir haben auch kein Mitleid. Mitgefühl ist da. Für diejenigen, die was draus machen.
  • Wir finden es super, wenn die Welt sich jetzt verändert. Dorthin, wo die Gemeinschaft miteinander „SEIN“ kann, weil ein paar mehr Leute ihr „SELBST“ entdeckt haben. Wenn auch gezwungenermaßen.

Und dann glauben wir beide noch: Es braucht vermutlich nochmal einen Schuss vor den Bug…
Offenbar denken ein paar Menschen, es sei vorbei.
Es sei überstanden und man könne jetzt wieder alles so machen, wie es mal war.
Oh. Oh.
Gefährliche Schleife.

Freiwillig gehen – oder gegangen werden

Das Leben macht keine Fehler. Es lehrt. Wer nicht freiwillig Lernprozesse durchlebt, der „wird gelebt“. Das ist meistens ziemlich schmerzhaft, aber dem Leben ist das egal. Es will sich schließlich erfahren und wenn der Mensch nicht mitmacht, wird er eben gezwungen. Einfach als Konsequenz, nicht, weil das Leben sich rächt oder so.
„Ich sag mal so…September oder Oktober. Dann kommt nochmal was. Du?“ frag ich.
„Ja, so Ende des Jahres. Denke auch“, antwortet Jana.
Wir haben noch etwas gemeinsam: Wir haben oft recht, wenn wir die Konsequenzen menschlichen Verhaltens vorhersagen. Nicht, weil wir irgendwie hellsichtig sind oder einem geheimen Hexenzirkel angehören. Es ist einfach natürliche Begabung.
Wir sind kurz beide still.
„Ich glaub, ich fand Normal nie gut“, sagt Jana.
Ich lasse kurz sacken.
„Jip (trinke nen Schluck), ich auch nicht. Ich glaub, das neue Normal ist eher meins. Das alte Normal ist so…destruktiv. Es zerstört. Das neue Normal kann heilsam sein.“

„Ziemlich krasse Lernkurve in der Geschichte der Menschheit“, meint das Puk.
Ich, das andere Puk, sage: „Kann aber sein, dass wir Unnormal immer wollten und deshalb hat es sowas gebraucht.“
Wir stoßen am Telefon an.
Wir tun das noch ein paar Mal und drei Stunden später legen wir auf.
Manche Trainingspartnerinnen sind besser als Wein, Prosecco und flüssige Schokolade zusammen.
Ich wünsche dieser Welt, dass sie mehr miteinander spricht und in der Mitte etwas Neues, Besseres findet. Wir können ja trotzdem weiter Weintrauben und Kakao anbauen.

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