Meine Zehenspitzen berührten die Luft, als ich am Rande des Daches stand und auf Tokyo herabblickte. Tausende Lichter, Abermillionen Farben und das Geschrei von Motorenlärm verwoben sich mit kakophonischem Hupen. Der Auswurf der Welt zu meinen Füßen presste meine Herzmuskeln zusammen. Es tat weh beim Atmen. Ich hatte gehofft, hier oben ein wenig Ruhe zu finden vor dieser pulsierenden Stadt. Doch sie bot auch hier oben keinerlei Rückzug vor ihrer eigenen Irrsinnigkeit.
„Ist es wirklich diese Art von Ruhe, nach der du dich sehnst?“ fragte mich da eine Stimme ganz sacht. Kaum hörbar berührten jene Worte sanft mein Ohr und drangen mühelos dorthin vor, wo es so weh tat: Zu meinem Herzen. In Zeitlupentempo drehte ich mich um.
Aber da war niemand.
Stirnrunzelnd blickte ich suchend über das flache Dach.
Ich war allein.
Wie immer.
Alles war wie immer. Nichts hatte sich verändert.
Kopfschüttelnd drehte ich mich wieder um.

Was wäre, wenn ich jetzt einfach einen kleinen Schritt nach vorne machte und…
„Halt!“, rief die Stimme diesmal kraftvoller. Sie hielt dabei nicht nur mich, sondern auch meine Gedanken davon ab, den nächsten Schritt zu tun. Den letzten.
Diesmal schoss ich pfeilschnell herum.
Zu schnell. Ich verlor das Gleichgewicht und ruderte heftig mit den Armen, doch es war zu spät. Ich hatte den Boden unter den Füßen verloren.

Im Augenblick des eigenen Todes, dann, wenn er ganz nah an Dich herankommt, passiert etwas Merkwürdiges.
Zumindest war es bei mir so.
Als ich meinen Tod traf, war plötzlich alles ganz still. Ich wusste, dass ich nur noch wenige Sekunden zu leben hätte.
Ich spürte keinerlei Angst vor dem, was nun kam.
Ich sah nicht den Film meines Lebens. Es stellte sich auch kein Bedauern ein über das, was ich alles getan oder nicht getan hatte.
Nein, etwas anderes überraschte mich.
Es war das Nichts.
Ich spürte einfach gar nichts. Weder Hoffnung, noch Angst. Weder Liebe, noch Schmerz. Es war einfach total still. Es war jene Art von Stille, die man unmöglich beschreiben kann, weil sie keinerlei Inhalt trägt und deshalb auch nicht gefüllt werden kann mit Worten oder Klängen oder Farben oder Formen.
Das Nichts ist einfach leer. Es ist noch nicht einmal universal schwarz oder unendlich weiß. Auch nicht irgendwie eng oder weit.

Wer das Nichts einen kurzen Augenblick berührt, der erkennt, was Leben bedeutet.

Das Leben ist alles zugleich. Es ist das Gegenteil vom Nichts. Leben bedeutet Vielfalt. Kunterbunte Farben und allerlei Arten von Lebensformen. Leben bedeutet, Gefühle in allen möglichen Facetten zu erfahren, so tief abzutauchen ins Meer der kraftvollen Augenblicke, dass man es manchmal kaum aushält.

Leben bedeutet spüren. Die kraftvolle Verbindung zu erleben, die dieses Geschenk ausmacht. Leben steht dem Nichts wie gegenüber. Das Nichts weiß nichts vom Leben und kann es nicht erkennen – es ist ja das Nichts. Aber das Leben kann schauen. Es ist sehr wichtig, dass wir das wissen.

Als ich für einen kurzen Moment frei fallender Körper war, erkannte ich, dass ich Mensch geworden bin. Einer, der gerade dem Nichts entgegen fiel, obwohl er leben sollte.

Da packten mich zwei Hände am Kragen.

Ich baumelte buchstäblich am seidenen Faden meiner Kleidung. Jemand hielt mich fest. Ich blickte nach oben und schaute in das energisch dreinblickende Gesicht eines alten Mannes, der wild entschlossen seine letzten Kräfte mobilisierte, um mich zurück auf das Dach des Hochhauses zu wuchten.

Wir keuchten beide, als wir ausgestreckt auf der Erde lagen. Als das Adrenalin in meinen Adern nachgelassen hatte, drehte ich langsam meinen hämmernden Kopf zur Seite und musterte meinen Lebensretter. Der blickte in den Nachthimmel, immer noch schwer atmend. Sein dunkles, faltiges Gesicht spannte sich wie Pergament über einen flachen Schädel. Sichelförmig umrahmten tiefe Mundwinkel ein eckiges Kinn. Mein Blick fiel auf seine knochigen Hände, die er fest umklammert auf den Bauch gelegt hatte. Die Fingernägel waren dreckig. Überhaut, jetzt erkannte ich es: Der ganze Alte war heruntergekommen. Beinahe alles an ihm war elend, auch seine Kleidung.

Beinahe. Bis er mich anschaute. Seit diesem Abend weiß ich: Man kann sich selbst sehen, wenn man in die Augen eines anderen Menschen blickt.

Ich glaube, es funktioniert nicht mit jedem Menschen so. Nur mit manchen. Vielleicht irre ich mich auch.

In den Augen dieses Alten, der gerade mein Leben gerettet hatte, da war es so.

Ich sah mich selbst, das Leben, und alles darüber hinaus in seinem Blick. Begriff die Wahrhaftigkeit in allem und für einen Moment glaubte ich, dass mich das Leben selbst gerade ansah. Durch die Augen eines anderen Menschen. Oder war es umgekehrt? Hatte sich das Leben in mir breit gemacht – und sah den Alten an? Passierte beides gleichzeitig?

Ich weiß es nicht. Es spielt auch keine Rolle.

Nach einer Weile stand ich auf und bot dem Alten meine Hand. Langsam zog ich ihn auf die Beine. Keiner von uns sprach. Manchmal reichen Worte nicht dorthin, wo man hin muss, um etwas Wichtiges zu sagen.

Ich spürte die knochige, warme Hand in meinen Händen. Diese fremde Hand, die mir zur Hilfe gekommen war, als ich glaubte, dem Leben nicht mehr gewachsen zu sein.

Die Erde ist kein guter Platz für Menschen wie mich, glaube ich.

Der Planet selbst ist nicht das Problem. Nicht das ewige Eis oder die brennend heiße Wüste. Auch nicht die wilden Tiere oder giftigen Pflanzen.

Es ist die Menschheit. Menschen sind ein Fehler in der Natur, der seinesgleichen sucht. Ein Defekt, der nur geheilt werden kann, wenn er sich selbst erkennt. So kann er heilsam wirken.

Von dieser schrecklichen Wahrheit aus betrachtet, stehen wir Menschen mit dem Rücken zur Wand. Es macht keinen Spaß, sich das anzusehen. Das Erkennen um die eigene Schande ist schmerzhaft. Man kann sie sehen in jedem hungernden Kind, in jedem misshandelten Tier, in jedem verschmutzten Gewässer. Jedes Mobbingopfer in jedem Unternehmen, jeder überforderte Schüler zeigt, wie schrecklich wir sind. Man kann es auch sehen an all denjenigen, die glauben, es ginge sie nichts an. Oder an denjenigen, die behaupten, sie könnten nichts tun.

Die Hand des Alten lag noch immer in meiner eigenen. Die Welt war dabei noch immer dieselbe. Die Menschheit tat noch immer das gleiche, wie vor einer Stunde. Und doch: Etwas hatte sich verändert.

Es dauerte einen Moment bis ich erkannte, was es war. Dabei war es längst offensichtlich. Und spürbar.

Die Veränderung drückte jetzt fest meine Hand. Sie stellte sich vor als etwas, das ich bis dorthin nie erfahren hatte:

Vertrauen.

Vertrauen in die Hilfe anderer Menschen in schweren Stunden.

Dem Leben vertrauen. Mir vertrauen.

Vertrauen in meinen Körper, der das Nichts berührt hat am Ende eines Lebens.

Auch vertrauen in die Hand, die mir zur Hilfe eilt, wenn ich sie am wenigsten erwarte.

Wir finden im Niedrigsten das Höchste, wenn wir Platz dafür schaffen. Das ist ein Gesetz, das nur gilt für jene, die das Leben lieben. Was man dafür braucht?

Hingabe.

Nächste Woche geht es weiter mit einer kurzen Geschichte voller “Hingabe” 🙂


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Photo by Pawel Nolbert on Unsplash

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