Ich betrat den verstaubten Dachboden meines Großvaters nur, weil es außer mir niemand tun würde. Es kostete mich einiges an Überwindung, jenen von Holzwürmern zerfressenen Riegel umzulegen, der den Weg in das von spinnenverseuchte Atelier freigab, in dem Großvater früher einmal gemalt hatte. Doch es half ja nichts. Ich musste es tun. Also trat ich ein. Ein einziger Schritt genügte, und Großvaters Atelier veränderte fortan mein Leben.

Ich war überrascht von der Sauberkeit in diesem Raum. Pedantisch, wie ich war, nannte ich den Anblick nicht aufgeräumt. Es war eher so etwas wie ein geordnetes Chaos. Auf der einen Seite lag ein Stapel Bücher, auf der anderen Mitbringsel aus aller Herren Länder. Sein ältestes Surfbrett lehnte an einem Balken, darüber hing ein poröser Neoprenanzug. Dann, an die Wände in zwei Reihen gelehnt:  Großvaters Aquarellbilder, Ölbilder, Kreidezeichnungen. Sie zeigten alle das Meer. Bis auf eines.

Ich hob das Bild, das sich vom Motiv so klar und deutlich von den anderen unterschied, vorsichtig auf. Ich war überwältigt. Es war gar nicht so sehr das, was es zeigte, sondern das, was es mit mir machte, als ich das Datum des gemalten Bildes sah.  Großvater hatte es vor über zwanzig Jahren gemalt. Eine Gänsehaut überzog meinen Körper. Das war wirklich das Unheimlichste, was ich je gesehen hatte.

Mir liefen die Tränen über die Wangen, als ich über die raue Oberfläche des Ölbildes strich. Wir hatten ihm nie geglaubt, dass er sich seine letzten Tage tatsächlich so vorgestellt hatte. Er, der Seebär, der sein Leben lang auf Schiffen von einem Hafen in den nächsten geschippert war. Der konnte sich doch unmöglich gewünscht haben, mit seiner Frau und vier Kindern mitten in bayerischen Bergen alt zu werden. Doch genau das zeigte dieses Bild.

Da saß er, ganz kitschig in einem alten Schaukelstuhl, eine Pfeife zwischen die Lippen geklemmt. Er hielt ein Buch in der Hand. Ich musste unweigerlich Lächeln. Er hatte sogar den Titel darauf gemalt: Der alte Mann und das Meer, von Ernest Hemingway. Doch er blickte nicht in das Buch. Er schaute aus einem riesigen Fenster in einen blumenprächtigen Garten, wo eindeutig Großmutter mit einer Gießkanne durch die Beete ging. Eine Katze strich um ihre Beine und als ich genauer hinsah, erkannte ich unter einem Baum einen schwarzweiß gefleckten Hund.

Großvater hatte sich seine Zukunft selbst gemalt.

Gerührt legte ich das Bild beiseite. Jetzt wollte ich die anderen sehen. Ich nahm das erste Bild, die Farbe bröckelte bereits ab. Es zeigte einen traumhaften Strand auf Hawaii. Ich wusste, dass es Hawaii war. Dort hatte er Großmutter geheiratet. Die Szenerie zeigte jene Trauungszeremonie, von der beide unzählige Male erzählt hatten. Wieder stockte mir der Atem, als ich das Datum sah: Das Bild hatte er drei Jahre vor ihrer Begegnung gemalt.

Langsam ließ ich den alten Leinwandrahmen sinken und griff nach dem nächsten Bild. Es zeigte eine Yacht vor Anker an einer Bucht. Ich wusste, dass es die Ozeania war. Er hatte sie kurz nach seiner Rückkehr aus dem indischen Ozean gekauft, zusammen mit Großmutter, die damals bereits mit meiner Mutter schwanger war. Aufgeregt blickte ich auf das Datum: Zwei Jahre vor der Geburt von Mama. Das konnte doch nicht sein!

Aber es war so. Alle Bilder, die ich durchsah, zeigten exakt Großvaters Leben auf See. Und immer waren die Bilder gemalt, bevor die Ereignisse stattgefunden hatten.

Meine Beine wurden schwach. So saß ich minutenlang auf dem staubigen Boden dieses muffigen Dachgeschosses und fragte mich, was ich nun tun sollte. Ich kniff mich in den Arm. Es tat weh. Ich träumte also nicht.  Seufzend blickte ich um mich. Da entdeckte ich ein zerfleddertes Notizbuch, das unter eine Kommode gerutscht war. Ich angelte es hervor und pustete den Staub vom Einband.

„Wie man etwas mehr auf den Wellen des Lebens surft“ stand darauf. Es war Großvaters Schrift. Auf der ersten Seite blickte ich auf diese Überschrift:

Sechs Schritte zum erfüllten Leben und wie man sie formuliert

  1. Im Hier und Jetzt und nicht irgendwann.
  2. So exakt wie ein Kompass nach Norden zeigt
  3. Mit allem, was sich hören, fühlen, riechen und schmecken lässt.
  4. Ich ganz alleine und niemand sonst.
  5. Das verabschiede ich und verzichte gerne darauf.
  6. Daran ist es zu erkennen.

Unter jedem dieser Sätze waren Stichworte geschrieben, manchmal ganze Sätze. Sie handelten von Menschen, die ihm ihre Weisheiten und Geschichten anvertraut hatten – aus allen Teilen der Welt.

Du bist niemals zu alt, um mit etwas Besserem zu beginnen

Ich hielt es nun nicht mehr länger aus. Mit einem Satz sprang ich auf, raste die Treppe hinunter und eilte ins Wohnzimmer. Dort saß er. In genau jenem alten Schaukelstuhl, den er vor so vielen Jahren gemalt hatte. Im grauen Seebärenbart verfing sich der Rauch der Pfeife, die er versonnen vor sich hin paffte, während er aus dem Fenster blickte. Zu seinen Füßen lag Hund Benno, der zwar nicht schwarzweiß, dafür aber dunkelbraun war. Was ich auch wusste, und mit einem Mal wurde ich traurig, war, dass draußen im Garten keine Katze um Großmutters Beine strich. Sie waren beide nicht mehr da.

„Großvater?“ fragte ich leise.
„Hm?“ brummte er nur sanft.
„Ich war auf dem Dachboden“, sagte ich nur und wusste nicht, wie ich das ansprechen sollte, was mir durch den Kopf spukte.
„Ach, ja. Du hast sie gesehen, oder? Die Bilder?“ fragte er und schaukelte langsam weiter, während er aus dem Fenster sah.
„Ja. Sie…ähm…sie sind toll. Und…ungewöhnlich. Ziemlich ungewöhnlich sogar, finde ich“ stammelte ich verlegen und suchte nach einem Weg, ihn auf das jeweilige Entstehungsdatum der Bilder anzusprechen.

Als Großvater mich jetzt ansah, fiel sein Blick auf das alte Notizheft, das ich in meiner Aufregung mit nach unten gebracht hatte.
„Ha! Das hatte ich ja total vergessen! Wo hast du das gefunden?“ fragte er strahlend und deutete auf das Heft in meiner Hand.
„Das hier? Unter der Kommode. Was bedeutet das eigentlich, was da drinnen steht?“ nahm ich nun dankbar das Gespräch auf, das in die richtige Richtung zu gehen schien.
„Das, meine liebes Enkelkind, ist die Gebrauchsanweisung für ein glückliches Leben. Ich habe in all den Jahren auf See und später, als wir hierhergezogen sind, die wichtigsten Lektionen notiert. Im Kern geht es darum, was du als Mensch tun kannst, um die Ziele zu erreichen, die du dir gesteckt hast. Es sind genau sechs Schritte. Sie stehen da drin“, schloss er seine Erklärung und klopfte mit dem Zeigefinger auf das zerfledderte Heft.

„Hm, ich verstehe aber nicht ganz, was das bedeutet. Kannst Du es mir genauer erklären?“ fragte ich neugierig.
Großvaters Augen wurden zu schlitzen, was ein gutes Zeichen war. Danach kam meistens ein erhellender Moment für mich.
„Du wünschst dir etwas. Irgendetwas. Dann formulierst  du deinen Wunsch als Ziel. Zum Beispiel: „Ich heirate die Liebe meines Lebens“ oder „Ich lebe am Meer und gehe jeden Tag surfen“ oder „Ich verbringe im hohen Alter eine gesunde Zeit mit meiner Frau und meiner Familie“, sagte er und zwinkerte mir verschmitzt zu.

Ich grinste ihn an, mir ging langsam ein Licht auf. Aber so genau begriff ich immer noch nicht. Das merkte er und sprach weiter:
„Du musst dringend daran denken, den Wunsch in der Gegenwart zu formulieren. Er darf weder in der Vergangenheit, noch in der Zukunft liegen und es muss etwas Positives sein. Etwas, das du willst und nicht etwas, das du NICHT willst. Das ist wirklich sehr, sehr wichtig, hörst du?“
Ich nickte.
„Dann legst du fest, woran du erkennst, dass sich dein Wunsch erfüllt hat. Bei mir war es so, dass mein Bauch immer einen Salto geschlagen hat, wenn ich mein Ziel erkannt habe“, lachte er leise und ich war mir sicher, dass er sich an Großmutter erinnerte.
„Du stellst dir dafür ganz intensiv vor, wie es sein wird, wenn du dein Ziel erreicht hast. Du stellst es dir so intensiv vor, dass du es fühlen kannst. Wie wird der Wind sich anfühlen, wie die Sonne? Wie wird es dann riechen, was wirst du schmecken? Wer wird bei dir sein?“ erklärte er mir.

Kurz legte sich eine Stille über uns. Ich wollte sie nicht kaputt machen durch irgendein Geräusch, also hielt ich gespannt den Atem an. Dann sprach er weiter:
„Du kommst nicht darum herum, das Ziel in Eigenverantwortung zu formulieren. Niemand sonst kann für dich deine Ziele erreichen, außer dir selbst. Du alleine bist verantwortlich für dein Leben. Es trägt niemand Schuld daran, wenn du scheiterst. Alles hat immer einen Grund, wenn wir versagen oder gewinnen. Wir können die Gründe nicht immer begreifen, dafür ist das Leben zu mystisch. Das einzige, was du immer tun kannst, ist, dich zu entscheiden. Willst du dich grämen, ärgern und verbittert auf einen Umstand reagieren? Oder willst du deinen Kompass neu ausrichten? Es liegt ein großer Unterschied zwischen diesen beiden Entscheidungen. Beim einen fühlst du dich furchtbar, beim anderen wunderbar. Also: Du, nur du ganz alleine, kannst Entscheidungen für dein Leben treffen. Du gehst deine Schritte, du formulierst die Ziele. Niemand sonst.“

Ich musste seine Worte erstmal sacken lassen. Sie trafen mich mitten ins Mark, denn er hatte Recht. Ich machte ziemlich häufig andere Leute für meine Hindernisse und Probleme verantwortlich. Und wenn die es nicht waren, war es das politische System oder mein Gesundheitszustand.
„Gibt es noch etwas, auf das ich achten muss?“ fragte ich dann.
„Ja. Achte darauf, dass du ein Datum festlegst, bis wann das Ziel erreicht sein soll. Und, das ist auch noch wichtig:

Werde dir der Konsequenzen deines Wunsches bewusst, bevor du das Ziel endgültig steckst! Wünsche haben immer Konsequenzen. Ich habe mir meinen Altersruhesitz in den Bergen mit meiner Familie gewünscht. Die Konsequenz war das Aufgeben des Segelns, des Surfens, des Fischens. Mein Leben auf dem Wasser sollte somit vorbei sein. Ein schwerer Schritt für mich. Aber ich habe mir gewünscht, mit meinen Lieben zu leben. Ärztliche Versorgung zu haben, wenn ich sie brauchen würde. Ich wollte Großmutter all die Tiere und Pflanzen schenken, auf die sie verzichtet hat, als wir jahrelang auf hoher See waren. Ich wollte im Alter jemand sein, der mit innerer Ruhe und Zufriedenheit auf das Blickt, was er gelebt hat. Ich wollte in einem alten Schaukelstuhl sitzen, eine Pfeife rauchen, meinem Hund über den Kopf streichen und… meinen Enkeln mit auf den Weg geben, dass sie etwas mehr auf den Wellen des Lebens surfen können.“

Ich wischte mir die Tränen von der Wange, als ich Großvaters feuchte Augen sah. Dann stellte ich ihm eine letzte Frage:
„Wo ist das Bild, das du zuletzt gemalt hast?“

Er lachte.
„Ich male es noch“, sagte er mit fester Stimme. Dann fügte er hinzu:
„Merke dir eines: Du bist niemals zu alt, um ein wichtiges Ziel in deinem Leben zu erreichen. Es spielt keine Rolle, wann du beginnst. Davon handeln all die Notizen in diesem Buch. Ich habe Menschen auf der ganzen Welt befragt, im Kern sagen alle das, was ein weiser Mann so genial zusammengefasst hat: Das Leben ist kein Rätsel, das gelöst werden will. Es ist ein Mysterium, das gelebt werden muss, damit man es begreift.“

Mein Herz begann aufgeregt zu klopfen:
„Dann hast du alles, was du gelernt hast, in diese sechs Schritte zur Zielformulierung gepackt?“ fragte ich ihn weiter.
„Ja, so ist es. Ich habe irgendwann festgestellt, dass ich am besten meine Ziele erreiche, wenn ich sie male. Das kann man tun, aber man muss es nicht. Manche Leute schreiben sie einfach auf. Das kannst du jetzt gleich tun, wenn du magst“, schlug er vor.
„Nimm mein Buch. Ich habe alles erreicht, was ich wollte“, sagte er und reichte mir einen Bleistift.
Langsam schlug ich eine leere Seite in dem vergilbten Büchlein auf. Dann schrieb ich:

„Ich kann richtig gut auf den Wellen des Leben surfen!“

Ich kann es alleine.
Ich bin dabei in Verbindung mit anderen Menschen.
Ich spüre das Meer und seine kraftvolle Wellenenergie unter mir.
Ich stehe sicher auf meinem Surfbrett und schmecke die salzige Meeresluft, die in meine Lungen strömt.
Das Wasser funkelt in der warmen Sonne und am Strand winkt mir die Liebe meines Lebens zu.
Wir haben uns gemeinsam ein Haus am Meer gebaut, in dem unsere beiden Kinder glücklich spielen.
Wir sehen unsere alten Freunde und Familien nicht mehr oft, denn sie leben in einem anderen Land. Hier haben wir neue Freunde gefunden.
Es ist der 15. Juli 2020 und ich weiß, dass ich angekommen bin, wenn ich das Bild in unserem Haus aufhänge, das ich mit Großvaters Farben gemalt habe. Es zeigt mich, surfend im Meer – und am Strand wartet vor unserem Haus derjenige Mensch, mit dem ich den Rest meines Lebens teilen will.

Deanna Ritchie

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